|
|
Giallo/ Genre-Theorie Arbeitstitel: Formelkino. Obwohl Needhams Aufruf zu einer Verwendung des sehr vagen Konzepts filone auf der Kontrastierung mit einem veralteten, essentialistischen Genrekonzept beruht, muss festgehalten werden, dass der Begriff seitdem in englischsprachigen und deutschsprachigen Publikationen zum Giallo kritiklos übernommen wurde. Diese Erfolgsgeschichte des Begriffs muss trotz seiner konzeptionellen und theoriegeschichtlichen Schwächen ernst genommen werden, da sie auf drei grundlegende Feststellungen hinweist: 1. Der Giallo problematisiert etablierte Genremodelle, da sie seine Dynamiken der generischen und kulturellen Hybridität nicht adäquat beschreiben können. 2. Es besteht nicht nur der Bedarf nach Genretheorien, die diskursanalytisch verfahren, sondern die Analyse des Giallos fordert diese notwendigerweise. 3. Es muss nach kulturspezifischen Genremodellen gefragt werden, da die Projektion von Genretheorien, die größtenteils anhand von Hollywoodfilmen modelliert wurden, auf Genres in anderen kulturellen Kontexten problematisch ist. Kurz gesagt: Die Popularität des Begriffs filone in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Giallo ist ein Symptom dafür, dass der Giallo Revisionen der etablierten Genretheorien verlangt. Um die diversen Desiderate und offenen Fragen der Genretheorie durchzupielen – etwa hinsichtlich der Kulturspezifik von Genre-Modellen, der Pragmatiken von Genre-Hierarchien, der Modelle von Sub-Genres oder der Verfahren der Genregeschichtsschreibung – werden die Diskurse über den Giallo und die Filme selbst in Dialog gesetzt, um sich gegenseitig kritisch zu perspektivieren. Dadurch werden die diskursanalytischen und textanalytischen Verfahren, die in den letzten Jahren parallel oder gar divergierend praktiziert wurden, versöhnt, da nach Interdependenzen von Diskursivierungen und Genre gefragt wird. So lässt sich beispielsweise aus der Perspektive der Genregeschichtsschreibung ein Modus der parodistischen Genre-Transformation in den Texten lesen, die eine Rezeption und Diskursivierung als Zäsur in der Genre-Geschichte suggeriert. Im Fokus stehen mithin Strukturen und Strategien der Texte, die bestimmte Diskursivierungen privilegieren. Dieses Verfahren erlaubt eine kritische Diskussion der Genretheorien, die nicht nur Film oder Diskurse, sondern gerade beide gemeinsam produktiv macht. Nun könnte man die Frage stellen, warum für diese Unternehmung ausgerechnet das Genre Giallo so produktiv ist. Das Genre ist nicht nur aufgrund seiner hohen Dynamik der Transformationen und seiner Heterogenität interessant, sondern vor allem aufgrund der Verwerfungen in den Diskursivierungen des Genres. So gilt das Genre beispielsweise in vielen Genre-Studien als kulturspezifisch, obwohl es sich aus dem deutschen Krimi – vor allem den Edgar-Wallace-Filmen – und dem Gothic-Horror formierte, viele Gialli europäische Ko-Produktionen sind – vor allem italienisch-deutsche Giallo/Krimi-Produktionen – und es sich im us-amerikanischen Slasher vermeintlich auflöst, als dessen Präfiguration es zugleich historisiert wird. Das Genre ist also in diversen rekursiven Schleifen kulturellen Austauschs zu sehen, die eine Festsetzung einer kulturellen Spezifik problematisieren, die jedoch immer wieder als Grundannahme in Genre-Studien gesetzt wird. Um nur wenige weitere Verwerfungen kurz anzuführen: Mal wird das Genre als 'Genre' mal als 'Sub-Genre' beschrieben. Innerhalb der Studien, die von der Klassifikation als 'Sub-Genre' ausgehen, gibt es weitere Konflikte, wird der Giallo doch mal als 'Sub-Genre' des Thrillers, mal als Sub-Genre des Horrorfilms verortet. Ein andermal wird ihm der Genre-Status ganz abgesprochen und die Filme als 'Proto-Slasher' erörtert. Auch die Genre-Geschichtsschreibung ist von Widersprüchen gezeichnet: Laut einigen Studien wird das Genre in den 60er Jahren formiert; in anderen erst zu Beginn der 70er Jahre, während sich die Film der 60er Jahre als diffuse Experimente der Genre-Klassifikation entzögen. Es kann nicht darum gehen, unter diesen konfligierenden Modellen und Geschichtsschreibungen des Genres die vermeintlich 'richtige/wahre' Variante zu identifizieren, sondern nach der jeweiligen Pragmatik der Argumentation, ihrer jeweiligen Historizität und den ihr jeweils zugrunde liegenden Genremodellen zu fragen, um anhand der Filme und der Analyse der Textstrukturen, die von den jeweiligen Pragmatiken produtiv aufgegriffen werden, die verschiedenen Pragmatiken dekonstruktiv durchzuspielen. Die Friktionen in den Diskursen über den Giallo sind mithin kein Problem der Forschung, sondern ein Potenzial, um über deren Methoden und Annahmen selbst zu reflektieren! |
| --------------- Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Anbringung eines Links die Inhalte der gelinkten Seiten ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann nur dadurch verhindert werden, dass man sich ausdrücklich von diesem Inhalt distanziert. Für alle Links auf dieser Homepage gilt: Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich von allen Inhalten aller verlinkten Seitenadressen auf meiner Homepage und mache mir diese Inhalte nicht zu eigen. Impressum: Peter Scheinpflug Universität zu Köln Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft Meister-Ekkehart-Str. 11 50937 Köln email@peterscheinpflug.de 0221/470-3610 Letzte Änderung: 09.12.2011 |
|